Mit der Zeit verändert sich nicht die Vergangenheit, sondern unser Blick darauf..
Als ich klein war, schien mir alles, was sich vor meinen Augen ausbreitete, riesengroß zu sein.
Mit den Jahren begann ich allmählich zu verstehen, dass die Dinge ihre eigene, angemessene Größe haben.
Gleichzeitig lernte ich, nicht nur meine eigene Perspektive, sondern auch die der anderen zu begreifen.
Es ist seltsam zu denken, dass mein Klassenlehrer in der sechsten Klasse damals viel jünger war, als ich es heute bin, und dass auch meine Eltern, wie ich jetzt, erst mit der Zeit durch ihre Erfahrungen zu Eltern geworden sind.
So begann ich allmählich, das zu erkennen.
Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr trug ich eine tiefe Ablehnung gegenüber meinen Eltern in mir.
Sie hatten den Kontakt zu mir abgebrochen, als ich in jungen Jahren Mutter wurde – nicht, weil ich ihnen etwas angetan hätte, sondern weil ich als junge Mutter nicht mehr in ihr Bild einer „vorbildlichen Tochter“ passte.
Scham, Sorge um den Ruf der Familie und Enttäuschung über meine Entscheidung führten dazu, dass sie sich von mir abwandten.
Mit einem kleinen Kind auf dem Arm setzte ich mein Studium fort.
Ich arbeitete, um Studiengebühren und Lebenshaltungskosten selbst zu tragen, und zog mein Kind allein groß.
Ein Universitätsstudium in Japan ist im Vergleich zu Deutschland sehr kostspielig. (Mann:( das war echt hart!)
Einmal, in einer besonders schwierigen Zeit, rief ich meine Mutter an.
Ich wollte mich nicht beklagen, nur kurz aussprechen.
Ihre Antwort war ruhig, aber hart:
„Wenn du deine Lage nur wegen deines Kindes nicht bewältigen kannst, wirst du sie auch ohne Kind nicht bewältigen. Du musst die Verantwortung für deine Entscheidung übernehmen.“
Nach diesem Gespräch brach ich den Kontakt ab.
Erst in meinen Dreißigern begriff ich, wie viel Energie es kostet, Groll zu empfinden.
In meinen Zwanzigern wollte ich beweisen, dass ich im Recht war.
Später verstand ich, dass man andere Menschen nicht verändern kann.
Ich begann, danach zu suchen, wie ich selbst in Frieden mit mir leben konnte.
Mit der Zeit und mit den Erfahrungen des Lebens, wurde mein Blick ruhiger, vielleicht auch milder.
Seit ich in Deutschland lebe, reise ich einmal im Jahr nach Japan zurück.
Bei jedem dieser Besuche sehe ich, wie meine Eltern älter geworden sind.
Ihr Älterwerden berührt mich, und ich bemühe mich, sie zu achten und fürsorglich mit ihnen umzugehen.
Doch tief in mir weiß ich, dass die Wunden von damals nicht verschwunden sind.
Nach außen zeige ich Zuneigung und Respekt- und ich glaube, das ist genug..
Vielleicht bedeutet Erwachsenwerden, den Frieden mit dem Unvollkommenen zu schließen.
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