Wurzeltanz

Dancing with roots, writing through change

Zwischen Wurzeln und Wandel schreibe ich über das, was in mir und um mich lebt.
Japanerin, seit einigen Jahren in Deutschland.

Vor einigen Jahren reiste ich mehrmals nach Indien, um eine bestimmte Qualifikation zu erwerben.


Was als reine Ausbildungsreise begann, wurde schnell zu einer tiefen Auseinandersetzung mit den Fragen, was Armut und Glück wirklich bedeuten.

In Neu-Delhi besuchte ich ein Waisenhaus.
Der Schulleiter führte mich herum, erzählte von der Gründung, der schwierigen Gegenwart und nannte sich selbst „Vater“ all dieser Kinder.
Der Schulleiter und seine Lehrer*innen nennen sich selbst die Eltern der Waisenkinder, damit diese offiziell als „Kinder einer Familie“ gelten und eines Tages heiraten können.
In Indien werden Kinder ohne Eltern oft vom Kastensystem ausgeschlossen.
Indem die Schule den Kindern symbolisch eine Familie gibt, schützt sie sie vor diesem gesellschaftlichen Ausschluss.
Ihr Ziel ist es, die Kinder nicht nur zu erziehen, sondern sie wirklich ins Leben hinaus zu begleiten…. als Familie.

Später unternahm ich eine Pilgerreise zu historischen Orten großer Gurus.
An heiligen Stätten wird jedem kostenloses Essen gereicht.
Und wer dienen möchte, darf dafür im Tempel übernachten.
In der Region Punjab spürt man den Stolz der Sikh-Gemeinschaft – eine Kultur, in der Dienen und Teilen keine Pflicht, sondern Ehre ist.

Ich erinnere mich an eine Baustelle:
Eine Familie hatte sich dort niedergelassen, mitten im unfertigen Gebäude.
Jedes Mal, wenn der Besitzer kam, um den Fortschritt zu sehen, gab er ihnen Geld – mit den Worten:
„Danke, dass ihr diesen Ort beschützt.“
Ein Akt der Anerkennung, der mich tief berührte.

Einmal sprach die Familie den Besitzer an. Er lächelte kurz, nickte und sagte nur: „Ja, hm, danke.“
Später fragte ich ihn neugierig, was sie zu ihm gesagt hätten.
Er zuckte mit den Schultern und meinte scherzhaft:
„Keine Ahnung – sie sprechen irgendeine Sprache, die nur sie selbst verstehen. Keine richtige Sprache! Hahaha.“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder schweigen sollte.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie nah und doch wie fern Menschen einander sein können – im selben Raum, im selben Land, und doch in völlig unterschiedlichen Welten.

Indien erschien mir wie eine Welt voller Widersprüche:
Kühe liegen mitten auf der Straße, Rikschas hupen unaufhörlich, Menschenmengen strömen, Bettler warten an Ampeln.
Als ich fragte, ob hier nicht ständig Unfälle passieren, lächelte mein Begleiter und sagte:
„Unfälle? Nein, das passiert hier nicht. Dies ist Gottes Land.“

Diese Antwort ließ mich verstummen.
Denn dort, wo ich nur Chaos sah, sahen sie Vertrauen.

Ich begann zu verstehen:
Armut ist nicht nur das Fehlen von Geld. Man kann materiell arm sein und dennoch reich an Glauben, Würde und Gemeinschaft.
Und man kann alles besitzen – und doch innerlich leer bleiben.

Zumindest in Indien schien das möglich zu sein.


Denn dort, wo das Leben oft hart ist, wo Menschen mit wenig auskommen müssen, bleibt eine tiefe Spiritualität und Dankbarkeit spürbar.
Nicht jedes Land, das wirtschaftlich als „Entwicklungsland“ gilt, trägt diese besondere Energie in sich.
Indien ist auf seine eigene, widersprüchliche Weise reich – an Farbe, an Glauben, an Leben.

Indien hat meine Theorien von Glück und Erfolg auf den Kopf gestellt.
Zwischen heiligen Gesängen, Straßenstaub und einem Magen, der oft protestierte, spürte ich eine ungeahnte Lebenskraft.
Ein Gefühl, das mich bis heute begleitet.

Vielleicht ist Armut manchmal nur eine Frage der Perspektive.

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