Wurzeltanz

Dancing with roots, writing through change

Zwischen Wurzeln und Wandel schreibe ich über das, was in mir und um mich lebt.
Japanerin, seit einigen Jahren in Deutschland.


Der Herbst in Deutschland ist voller Regen.
Der Himmel hängt tief, und die Farben der Stadt verblassen langsam.
Am Morgen öffne ich das Fenster, derselbe graue Himmel wie gestern.
Die Blätter kleben nass und lautlos am Asphalt.

Im japanischen Herbst gibt es goldene Momente, das sanfte Licht am Nachmittag, den Duft von getrocknetem Laub, das Rascheln unter den Füßen.


Hier ist alles stiller, klarer, kälter.
Vielleicht deshalb spüre ich hier kaum so etwas wie „Nostalgie“.

Für mich war Nostalgie immer wie ein Abendrot am trockenen Himmel –
ein sanftes Licht, das die Vergangenheit noch einmal berührt.
Doch in Deutschland verschlucken die Wolken jedes Licht,
und die Erinnerungen sinken nicht in Wärme, sondern in Stille.

Und doch wenn ich dem Regen lausche, finde ich eine merkwürdige Ruhe.
In dieser grauen, stillen Zeit kann ich spüren,
woher ich komme und wo ich jetzt stehe.

Wenn der japanische Herbst die Sehnsucht weckt, dann schenkt mir der deutsche Herbst Leere Raum zum Atmen.
Er fordert nicht, Erinnerungen zu malen, sondern lehrt, das Unbeschriebene einfach zuzulassen.

Der Duft des Regens, die Stille der Straßen, das Gewicht der Wolken –
alles sinkt, wortlos, langsam in mich hinein.
Und tief in dieser Stille werde ich endlich ein kleines bisschen frei.

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