Wurzeltanz

Dancing with roots, writing through change

Zwischen Wurzeln und Wandel schreibe ich über das, was in mir und um mich lebt.
Japanerin, seit einigen Jahren in Deutschland.
  • Ich sitze gerade im Zug und fahre in die Ferne.
    Es ist kurz vor sieben Uhr, ein noch dunkler Morgen in Deutschland.
    Als ich mein Spiegelbild im Zugfenster sehe, kommt mir plötzlich ein Bild aus der Vergangenheit in den Sinn.


    Vor zehn Jahren, kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen war und noch einen Deutschkurs besuchte, gab es eine asiatische Frau, die ich auf der Heimfahrt mit der Straßenbahn oft sah. Ich wusste nicht, ob sie Japanerin, Koreanerin oder Chinesin war. Während ich sie beobachtete, dachte ich oft: Diese Frau lebt bestimmt schon lange hier.
    Im Vergleich zu meinem eigenen unsicheren Auftreten wirkte sie ruhig und gefasst. Ihr sanfter Blick, mit dem sie die Landschaft draußen betrachtete, strahlte eine Art Selbstvertrauen aus. Sie trug eine Jack Wolfskin-Jacke in Erth-color, simple Kleidung, die sich unauffällig in die Umgebung einfügte. Ich erinnere mich, dass ich sie ein wenig beneidete.


    Zehn Jahre sind vergangen.


    Heute sehe ich im Fenster mein eigenes Spiegelbild – ebenfalls in einer erdfarbenen Jack Wolfskin-Jacke, Jeans und mit Rucksack. Dieses Wiedererkennen fühlt sich seltsam an. Ich weiß nicht, wo jene Frau heute ist. Falls sie noch in Deutschland lebt, sind für sie inzwischen weitere zehn Jahre vergangen.
    Mit welchen Gedanken hat sie damals wohl aus dem Fenster geschaut….

  • Wenn ich vormittags im Supermarkt bin, sehe ich viele Frauen, die gestresst und in Eile sind.

    Auch die, die zu Hause bleiben, scheinen keine Ruhe zu haben. Manchmal frage ich mich: Wie ist es wirklich, Hausfrau zu sein? Oder darf man dieses Wort heute überhaupt noch benutzen?

    Ich bin in Japan geboren, in einer Zeit, in der sich die Rolle der Frau langsam veränderte.

    Meine Mutter hat gearbeitet und Karriere gemacht – nicht nur, um zu überleben, sondern auch zur Selbstverwirklichung, obwohl mein Vater gut verdiente.

    So lernte ich: Eine Frau soll unabhängig sein.

    Als ich nach Deutschland kam, fiel mir auf, dass es wenige Frauen gibt, die sich bewusst für Familie und Haushalt entscheiden.

    Unter meinen japanischen und anderen ausländischen Freundinnen gibt es jedoch viele, die diesen Weg gewählt haben. Sie werden oft kritisiert, leiden darunter und fragen sich, warum das hier so ist.

    Manchmal frage ich mich, ob einige meiner Freundinnen vielleicht auch deshalb so bleiben, weil das Leben im Ausland sie verunsichert. Sie hätten in ihrer Heimat gute Karrieren gehabt oder sprechen mehrere Sprachen – deshalb finde ich es manchmal ein wenig schade, dass sie diese Möglichkeiten nicht nutzen.

    Es ist natürlich nicht leicht (vor allem als Ausländer), hier Arbeit zu finden oder sich beruflich neu zu orientieren. Aber am Ende ist es ihre persönliche Entscheidung, und ich respektiere das. Ich denke nur manchmal darüber nach, wie schwierig es ist, kein eigenes Einkommen zu haben. Das erfordert viel Planung und manchmal auch Verzicht.


    Was ich allerdings gar nicht verstehe, ist, dass Hausfrauen so stark beurteilt werden. Deutschland gilt doch als Land des Individualismus – warum werden Frauen hier trotzdem für ihre Lebensentscheidung kritisiert?

    Vielleicht liegt es an den gesellschaftlichen Erwartungen? Frauen sollen alles schaffen.

    Frauen müssen sich zu Hause rechtfertigen…?!

    Ich selbst arbeite gern, aber manchmal bewundere ich die Ruhe, mit der manche ihren Alltag leben.

    Am Ende, denke ich, sollte jede Frau frei entscheiden dürfen, welchen Weg sie geht – ohne Scham und ohne Rechtfertigung.

    Schließlich ist es ohnehin nicht einfach, als Frau zu leben.

  • Es sind Herbstferien!

    Die Sonne scheint, die Koffer stehen bereit und in meinem Kopf läuft schon die Urlaubsmusik.


    Dieses Jahr wollte ich mit meiner Tochter, meiner Freundin und ihrer Tochter nach Großbritannien fliegen, ein kleines Abenteuer für uns vier.
    Einfach mal raus, dachte ich.

    Aber wie immer in Deutschland: Einfach ist relativ.

    Wenn ich die Kinder allein außerhalb des Landes mitnehme, verlangt das System trotzdem eine Einverständniserklärung meines Mannes.
    Ich kenne das Formular seit Jahren und könnte es im Schlaf ausfüllen und doch erwische ich mich jedes Mal dabei, wie ich von den Anforderungen leicht in Panik gerate.

    Namen hier, Unterschrift dort, Kopie des Ausweises nicht vergessen und dann noch die Frage: „Reicht das so oder wollen sie noch eine Apostille?“
    Manchmal fühlt es sich an, als würde ich einen Bürokratie-Tanz aufführen, nur um ein paar Tage Urlaub zu haben.

    Als mein Mann schließlich das Formular unterschrieben und alles fertig war, dachte ich:

    „So, jetzt habe ich alle Papiere Reisepässe, Tickets, Versicherungen und das wichtigste Dokument von allen: die Zustimmung meines Mannes.“


    Natürlich, typisch deutsch: Niemand am Flughafen wollte das Papier sehen🤣


    Aber ich hatte es dabei, und das gab mir ein beruhigendes Gefühl, wie ein magischer Talisman gegen Bürokratie.

    Fazit: Reisen mit Kindern ist wunderbar, aber in einem internationalen Haushalt braucht man manchmal mehr Druckerpatronen als Sonnencreme.


    Und das nächste Mal? Vielleicht bleibe ich einfach im Schengen-Raum.

    Da reicht wenigstens ein Lächeln und der Kinderausweis.

  • Der Sonntagmorgen gehört mir.


    Mein Mann schläft noch, mein Kind ist vermutlich in ihrem Zimmer beschäftigt, und ich sitze mit unserem Hund auf dem Sofa, eine Tasse Kaffee in der Hand, eingehüllt in eine Decke.

    Draußen ist es still. Nur das Zwitschern der Vögel, das ferne Rauschen der Straße und das sanfte Atmen meines Hundes neben mir.

    Kein Kalender, keine E-Mails, keine Fragen. Nur ein paar Minuten, die ganz mir gehören.

    Solche Momente sind selten geworden. Zwischen Arbeit, Familie, Organisation und Erwartungen bleibt kaum Raum für Stillstand. Gerade Mütter bewegen sich oft in einem unsichtbaren Spannungsfeld – zwischen Selbstverständlichkeit und Selbstverlust.

    Wir sollen funktionieren, lächeln, organisieren, lieben, leisten.

    Und dabei bitte gelassen bleiben.

    Aber an einem Morgen wie diesem spüre ich: Ruhe ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Sie ist keine Pause vom Leben – sie ist Leben.

    In der Stille erinnert sich etwas in mir daran, wer ich bin, wenn niemand etwas von mir will. Eine Frau, die einfach ihren Kaffee trinkt. Die nicht plant, nicht multitaskt, sondern einfach atmet.

    Mein Hund rührt sich, seufzt leise und legt den Kopf auf meinen Schoß. Ich bleibe sitzen. Der Kaffee ist längst kalt, aber dieser Moment – dieser kleine Akt der Selbstfürsorge – fühlt sich an wie Widerstand.

    Vielleicht ist genau das die leise, unsichtbare Arbeit, die wir täglich leisten: Ruhe zu bewahren, uns selbst wiederzufinden und dem Alltag für ein paar Minuten zu entkommen.

  • Vor einigen Jahren reiste ich mehrmals nach Indien, um eine bestimmte Qualifikation zu erwerben.


    Was als reine Ausbildungsreise begann, wurde schnell zu einer tiefen Auseinandersetzung mit den Fragen, was Armut und Glück wirklich bedeuten.

    In Neu-Delhi besuchte ich ein Waisenhaus.
    Der Schulleiter führte mich herum, erzählte von der Gründung, der schwierigen Gegenwart und nannte sich selbst „Vater“ all dieser Kinder.
    Der Schulleiter und seine Lehrer*innen nennen sich selbst die Eltern der Waisenkinder, damit diese offiziell als „Kinder einer Familie“ gelten und eines Tages heiraten können.
    In Indien werden Kinder ohne Eltern oft vom Kastensystem ausgeschlossen.
    Indem die Schule den Kindern symbolisch eine Familie gibt, schützt sie sie vor diesem gesellschaftlichen Ausschluss.
    Ihr Ziel ist es, die Kinder nicht nur zu erziehen, sondern sie wirklich ins Leben hinaus zu begleiten…. als Familie.

    Später unternahm ich eine Pilgerreise zu historischen Orten großer Gurus.
    An heiligen Stätten wird jedem kostenloses Essen gereicht.
    Und wer dienen möchte, darf dafür im Tempel übernachten.
    In der Region Punjab spürt man den Stolz der Sikh-Gemeinschaft – eine Kultur, in der Dienen und Teilen keine Pflicht, sondern Ehre ist.

    Ich erinnere mich an eine Baustelle:
    Eine Familie hatte sich dort niedergelassen, mitten im unfertigen Gebäude.
    Jedes Mal, wenn der Besitzer kam, um den Fortschritt zu sehen, gab er ihnen Geld – mit den Worten:
    „Danke, dass ihr diesen Ort beschützt.“
    Ein Akt der Anerkennung, der mich tief berührte.

    Einmal sprach die Familie den Besitzer an. Er lächelte kurz, nickte und sagte nur: „Ja, hm, danke.“
    Später fragte ich ihn neugierig, was sie zu ihm gesagt hätten.
    Er zuckte mit den Schultern und meinte scherzhaft:
    „Keine Ahnung – sie sprechen irgendeine Sprache, die nur sie selbst verstehen. Keine richtige Sprache! Hahaha.“

    Ich wusste nicht, ob ich lachen oder schweigen sollte.
    In diesem Moment wurde mir bewusst, wie nah und doch wie fern Menschen einander sein können – im selben Raum, im selben Land, und doch in völlig unterschiedlichen Welten.

    Indien erschien mir wie eine Welt voller Widersprüche:
    Kühe liegen mitten auf der Straße, Rikschas hupen unaufhörlich, Menschenmengen strömen, Bettler warten an Ampeln.
    Als ich fragte, ob hier nicht ständig Unfälle passieren, lächelte mein Begleiter und sagte:
    „Unfälle? Nein, das passiert hier nicht. Dies ist Gottes Land.“

    Diese Antwort ließ mich verstummen.
    Denn dort, wo ich nur Chaos sah, sahen sie Vertrauen.

    Ich begann zu verstehen:
    Armut ist nicht nur das Fehlen von Geld. Man kann materiell arm sein und dennoch reich an Glauben, Würde und Gemeinschaft.
    Und man kann alles besitzen – und doch innerlich leer bleiben.

    Zumindest in Indien schien das möglich zu sein.


    Denn dort, wo das Leben oft hart ist, wo Menschen mit wenig auskommen müssen, bleibt eine tiefe Spiritualität und Dankbarkeit spürbar.
    Nicht jedes Land, das wirtschaftlich als „Entwicklungsland“ gilt, trägt diese besondere Energie in sich.
    Indien ist auf seine eigene, widersprüchliche Weise reich – an Farbe, an Glauben, an Leben.

    Indien hat meine Theorien von Glück und Erfolg auf den Kopf gestellt.
    Zwischen heiligen Gesängen, Straßenstaub und einem Magen, der oft protestierte, spürte ich eine ungeahnte Lebenskraft.
    Ein Gefühl, das mich bis heute begleitet.

    Vielleicht ist Armut manchmal nur eine Frage der Perspektive.

  • Als ich vor zehn Jahren nach Deutschland kam, dachte ich, ich würde mich einfach anpassen.

    Ich konnte kaum Deutsch, kannte die Kultur nur aus Fernseher und Reiseberichten und war neugierig auf dieses neue Kapitel meines Lebens.

    Doch schon nach den einigen Monaten wurde mir klar: Es gibt Dinge, die man in keinem Sprachkurs lernt – zum Beispiel, wie es ist, in den Augen anderer plötzlich „die Japanerin“ zu sein.

    Anfangs war es fast schmeichelhaft. Viele Menschen waren interessiert an meiner Herkunft, stellten Fragen über Japan, über Sushi, Manga und Kirschblüten.

    Ich freute mich über das Interesse – bis ich merkte, dass sich diese Gespräche selten wirklich um mich drehten.

    Oft wurde ich zu einer Art Repräsentantin meines Landes gemacht, als ob ich persönlich für ganz Japan sprechen könnte.

    „Ihr Japaner seid ja so höflich!“ – höre ich oft. Oder: „Ihr arbeitet doch bestimmt alle so diszipliniert.“

    Ich weiß, diese Sätze sind meist freundlich gemeint. Aber sie fühlen sich an wie eine kleine Schublade, in die ich gesteckt werde, bevor ich überhaupt etwas gesagt habe.

    Manchmal möchte ich antworten: Ich bin höflich, ja – aber nicht, weil ich Japanerin bin, sondern weil ich so erzogen wurde.

    Und ehrlich gesagt: Mittlerweile bin ich auch nicht mehr zu jedem höflich und freundlich. Zehn Jahre Deutschland hinterlassen Spuren.

    Interessanterweise war das Thema Klischees sogar einmal Teil meines Deutschkurses. Damals haben wir über Vorurteile gegenüber verschiedenen Nationen gesprochen theoretisch, mit Arbeitsblättern und Beispielen.

    Ich fand das spannend, aber auch ein bisschen abstrakt. Erst später habe ich verstanden, wie sich solche Klischees im echten Leben anfühlen, wenn man selbst darin vorkommt.

    Mit der Zeit habe ich gelernt, über diese Vorstellungen zu lächeln. Aber tief in mir spüre ich auch, dass sie ein Spiegel sind, nicht nur für die Bilder, die andere von Japan haben, sondern auch für die Art, wie Menschen hier über Nationalität denken. Viele Deutsche definieren sich stark über Herkunft, Dialekt, Region.

    Vielleicht ist das der Grund, warum sie andere so schnell einordnen möchten.

    Ich selbst habe mich verändert in diesen Jahren. In Japan galt ich als eher direkt, hier wirke ich oft still.

    Ich habe gelernt, dass Identität flexibel ist – sie passt sich an, sie wächst.

    Ich trinke inzwischen gern ein Kölsch, aber ich esse meinen Reis immer noch mit Stäbchen. Und das ist okay.

    Heute sage ich: Ich bin nicht nur Japanerin und nicht nur Wahl-Deutschländerin.

    Ich bin beides – und noch viel mehr.

    Zwischen Sushi und Kartoffelsalat habe ich meinen eigenen Platz gefunden. Einen, der nicht in Klischees passt – aber genau zu mir.


  • Der Herbst in Deutschland ist voller Regen.
    Der Himmel hängt tief, und die Farben der Stadt verblassen langsam.
    Am Morgen öffne ich das Fenster, derselbe graue Himmel wie gestern.
    Die Blätter kleben nass und lautlos am Asphalt.

    Im japanischen Herbst gibt es goldene Momente, das sanfte Licht am Nachmittag, den Duft von getrocknetem Laub, das Rascheln unter den Füßen.


    Hier ist alles stiller, klarer, kälter.
    Vielleicht deshalb spüre ich hier kaum so etwas wie „Nostalgie“.

    Für mich war Nostalgie immer wie ein Abendrot am trockenen Himmel –
    ein sanftes Licht, das die Vergangenheit noch einmal berührt.
    Doch in Deutschland verschlucken die Wolken jedes Licht,
    und die Erinnerungen sinken nicht in Wärme, sondern in Stille.

    Und doch wenn ich dem Regen lausche, finde ich eine merkwürdige Ruhe.
    In dieser grauen, stillen Zeit kann ich spüren,
    woher ich komme und wo ich jetzt stehe.

    Wenn der japanische Herbst die Sehnsucht weckt, dann schenkt mir der deutsche Herbst Leere Raum zum Atmen.
    Er fordert nicht, Erinnerungen zu malen, sondern lehrt, das Unbeschriebene einfach zuzulassen.

    Der Duft des Regens, die Stille der Straßen, das Gewicht der Wolken –
    alles sinkt, wortlos, langsam in mich hinein.
    Und tief in dieser Stille werde ich endlich ein kleines bisschen frei.

  • Ich lebe seit zehn Jahren in Deutschland. Diese Zeit hat mich geprägt – mit Freude, Herausforderungen und manchmal Einsamkeit.

    Die ersten Jahre waren besonders schwer: neue Sprache, fremde Regeln, das Gefühl, nie ganz dazuzugehören. Als Ausländerin musste ich vieles doppelt lernen, um mich verstanden und akzeptiert zu fühlen.

    Oft dachte ich, das sei Pech.

    Doch dann erinnere ich mich an eine alte chinesische Geschichte:

    Ein Bauer verliert sein Pferd, das in die Berge läuft. Die Nachbarn sagen: „Welch Pech!“ Doch das Pferd kehrt zurück – mit weiteren wilden Pferden. Nun sagen die Nachbarn: „Welch Glück!“
    Kurz darauf verletzt sich der Sohn des Bauern beim Reiten. Die Nachbarn rufen: „Pech!“ Doch weil er verletzt ist, muss er nicht in den Krieg, der viele junge Männer das Leben kostet – und alle erkennen: „Glück!“

    Glück oder Pech? Wer weiß das schon.


    Auch in meinem Leben zeigt sich diese Weisheit: Schwierigkeiten fühlen sich zuerst wie Pech an – aber Jahre später erkennen wir manchmal, dass genau diese Erfahrungen uns stärker, selbstbewusster und resilienter gemacht haben.

    In Deutschland, fern von meiner Heimat, habe ich gelernt, dass das stille Glück oft in uns selbst entsteht unabhängig von äußeren Umständen.


    Vielleicht liegt wahres Glück nicht darin, was uns passiert, sondern darin, wie wir es sehen.

    Glück oder Pech?

    Wer weiß das schon..

  • Mit der Zeit verändert sich nicht die Vergangenheit, sondern unser Blick darauf..

    Als ich klein war, schien mir alles, was sich vor meinen Augen ausbreitete, riesengroß zu sein.
    Mit den Jahren begann ich allmählich zu verstehen, dass die Dinge ihre eigene, angemessene Größe haben.
    Gleichzeitig lernte ich, nicht nur meine eigene Perspektive, sondern auch die der anderen zu begreifen.

    Es ist seltsam zu denken, dass mein Klassenlehrer in der sechsten Klasse damals viel jünger war, als ich es heute bin, und dass auch meine Eltern, wie ich jetzt, erst mit der Zeit durch ihre Erfahrungen zu Eltern geworden sind.
    So begann ich allmählich, das zu erkennen.

    Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr trug ich eine tiefe Ablehnung gegenüber meinen Eltern in mir.
    Sie hatten den Kontakt zu mir abgebrochen, als ich in jungen Jahren Mutter wurde – nicht, weil ich ihnen etwas angetan hätte, sondern weil ich als junge Mutter nicht mehr in ihr Bild einer „vorbildlichen Tochter“ passte.
    Scham, Sorge um den Ruf der Familie und Enttäuschung über meine Entscheidung führten dazu, dass sie sich von mir abwandten.

    Mit einem kleinen Kind auf dem Arm setzte ich mein Studium fort.
    Ich arbeitete, um Studiengebühren und Lebenshaltungskosten selbst zu tragen, und zog mein Kind allein groß.
    Ein Universitätsstudium in Japan ist im Vergleich zu Deutschland sehr kostspielig. (Mann:( das war echt hart!)

    Einmal, in einer besonders schwierigen Zeit, rief ich meine Mutter an.
    Ich wollte mich nicht beklagen, nur kurz aussprechen.
    Ihre Antwort war ruhig, aber hart:
    „Wenn du deine Lage nur wegen deines Kindes nicht bewältigen kannst, wirst du sie auch ohne Kind nicht bewältigen. Du musst die Verantwortung für deine Entscheidung übernehmen.“
    Nach diesem Gespräch brach ich den Kontakt ab.

    Erst in meinen Dreißigern begriff ich, wie viel Energie es kostet, Groll zu empfinden.
    In meinen Zwanzigern wollte ich beweisen, dass ich im Recht war.
    Später verstand ich, dass man andere Menschen nicht verändern kann.
    Ich begann, danach zu suchen, wie ich selbst in Frieden mit mir leben konnte.
    Mit der Zeit und mit den Erfahrungen des Lebens, wurde mein Blick ruhiger, vielleicht auch milder.

    Seit ich in Deutschland lebe, reise ich einmal im Jahr nach Japan zurück.
    Bei jedem dieser Besuche sehe ich, wie meine Eltern älter geworden sind.
    Ihr Älterwerden berührt mich, und ich bemühe mich, sie zu achten und fürsorglich mit ihnen umzugehen.
    Doch tief in mir weiß ich, dass die Wunden von damals nicht verschwunden sind.
    Nach außen zeige ich Zuneigung und Respekt- und ich glaube, das ist genug..

    Vielleicht bedeutet Erwachsenwerden, den Frieden mit dem Unvollkommenen zu schließen.

  • Wenn ich über etwas auf Japanisch nachdenke, sehe ich es anders, als wenn ich auf Deutsch darüber spreche.
    Jede Sprache öffnet eine eigene Welt, mit ihren Nuancen, ihrem Rhythmus, ihren Möglichkeiten.

    Auf Japanisch kann ich zarte Dinge sagen, ohne sie direkt zu benennen.
    Im Deutschen finde ich Klarheit, aber oft fehlen mir die feinen Zwischentöne.
    Manchmal ärgert mich das.
    Ich möchte etwas Schönes ausdrücken, und spüre, wie mir das richtige Wort entgleitet.
    Dann fühle ich mich fremd – nicht, weil mich jemand so nennt,
    sondern weil mir die Sprache selbst eine Grenze zeigt.

    Vielleicht werde ich immer ein bisschen Ausländerin bleiben.
    Aber vielleicht ist das auch in Ordnung.
    Denn in diesem Dazwischen entsteht etwas Eigenes, eine neue Sprache, die noch keinen Namen hat,
    aber langsam wächst, Wort für Wort.