Als ich vor zehn Jahren nach Deutschland kam, dachte ich, ich würde mich einfach anpassen.
Ich konnte kaum Deutsch, kannte die Kultur nur aus Fernseher und Reiseberichten und war neugierig auf dieses neue Kapitel meines Lebens.
Doch schon nach den einigen Monaten wurde mir klar: Es gibt Dinge, die man in keinem Sprachkurs lernt – zum Beispiel, wie es ist, in den Augen anderer plötzlich „die Japanerin“ zu sein.
Anfangs war es fast schmeichelhaft. Viele Menschen waren interessiert an meiner Herkunft, stellten Fragen über Japan, über Sushi, Manga und Kirschblüten.
Ich freute mich über das Interesse – bis ich merkte, dass sich diese Gespräche selten wirklich um mich drehten.
Oft wurde ich zu einer Art Repräsentantin meines Landes gemacht, als ob ich persönlich für ganz Japan sprechen könnte.
„Ihr Japaner seid ja so höflich!“ – höre ich oft. Oder: „Ihr arbeitet doch bestimmt alle so diszipliniert.“
Ich weiß, diese Sätze sind meist freundlich gemeint. Aber sie fühlen sich an wie eine kleine Schublade, in die ich gesteckt werde, bevor ich überhaupt etwas gesagt habe.
Manchmal möchte ich antworten: Ich bin höflich, ja – aber nicht, weil ich Japanerin bin, sondern weil ich so erzogen wurde.
Und ehrlich gesagt: Mittlerweile bin ich auch nicht mehr zu jedem höflich und freundlich. Zehn Jahre Deutschland hinterlassen Spuren.
Interessanterweise war das Thema Klischees sogar einmal Teil meines Deutschkurses. Damals haben wir über Vorurteile gegenüber verschiedenen Nationen gesprochen theoretisch, mit Arbeitsblättern und Beispielen.
Ich fand das spannend, aber auch ein bisschen abstrakt. Erst später habe ich verstanden, wie sich solche Klischees im echten Leben anfühlen, wenn man selbst darin vorkommt.
Mit der Zeit habe ich gelernt, über diese Vorstellungen zu lächeln. Aber tief in mir spüre ich auch, dass sie ein Spiegel sind, nicht nur für die Bilder, die andere von Japan haben, sondern auch für die Art, wie Menschen hier über Nationalität denken. Viele Deutsche definieren sich stark über Herkunft, Dialekt, Region.
Vielleicht ist das der Grund, warum sie andere so schnell einordnen möchten.
Ich selbst habe mich verändert in diesen Jahren. In Japan galt ich als eher direkt, hier wirke ich oft still.
Ich habe gelernt, dass Identität flexibel ist – sie passt sich an, sie wächst.
Ich trinke inzwischen gern ein Kölsch, aber ich esse meinen Reis immer noch mit Stäbchen. Und das ist okay.
Heute sage ich: Ich bin nicht nur Japanerin und nicht nur Wahl-Deutschländerin.
Ich bin beides – und noch viel mehr.
Zwischen Sushi und Kartoffelsalat habe ich meinen eigenen Platz gefunden. Einen, der nicht in Klischees passt – aber genau zu mir.