Ich sitze gerade im Zug und fahre in die Ferne.
Es ist kurz vor sieben Uhr, ein noch dunkler Morgen in Deutschland.
Als ich mein Spiegelbild im Zugfenster sehe, kommt mir plötzlich ein Bild aus der Vergangenheit in den Sinn.
Vor zehn Jahren, kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen war und noch einen Deutschkurs besuchte, gab es eine asiatische Frau, die ich auf der Heimfahrt mit der Straßenbahn oft sah. Ich wusste nicht, ob sie Japanerin, Koreanerin oder Chinesin war. Während ich sie beobachtete, dachte ich oft: Diese Frau lebt bestimmt schon lange hier.
Im Vergleich zu meinem eigenen unsicheren Auftreten wirkte sie ruhig und gefasst. Ihr sanfter Blick, mit dem sie die Landschaft draußen betrachtete, strahlte eine Art Selbstvertrauen aus. Sie trug eine Jack Wolfskin-Jacke in Erth-color, simple Kleidung, die sich unauffällig in die Umgebung einfügte. Ich erinnere mich, dass ich sie ein wenig beneidete.
Zehn Jahre sind vergangen.
Heute sehe ich im Fenster mein eigenes Spiegelbild – ebenfalls in einer erdfarbenen Jack Wolfskin-Jacke, Jeans und mit Rucksack. Dieses Wiedererkennen fühlt sich seltsam an. Ich weiß nicht, wo jene Frau heute ist. Falls sie noch in Deutschland lebt, sind für sie inzwischen weitere zehn Jahre vergangen.
Mit welchen Gedanken hat sie damals wohl aus dem Fenster geschaut….
Hinterlasse einen Kommentar